InsectCare

DE EN PL

Vernetztes Insektenmonitoring für die Renaturierung von Kulturlandschaften

InsectCare entwickelt, erprobt und validiert Verfahren zur Erfassung von Bestäubern, Laufkäfern und wassergebundenen Insekten. In zwei Reallaboren – im UNESCO-Biosphärenreservat Drömling und im Welski Park Krajobrazowy – werden klassische Kartierung, Sensorik und KI-gestützte Auswertung parallel eingesetzt und gegeneinander geprüft. Ziel sind übertragbare, bezahlbare und zuverlässige Monitoringverfahren für die Umsetzung der EU-Renaturierungsverordnung.

Insektenkartierung im Gelände,
 Bild: Beata Bak

Laufzeit

04/2026 – vsl. 03/2029

Reallabore

je eines in Deutschland (Drömling) und Polen (Wel Park)

Im Blick

Bestäuber, Laufkäfer, Wassergebundene Insekten

Koordination

Hochschule Magdeburg-Stendal

Vollständiger Projekttitel

Vernetztes Insektenmonitoring und Renaturierung für nachhaltigen Bestäuber- und Gewässerschutz in Biosphärenreservaten – Praxishilfe zur Umsetzung der EU-Renaturierungsverordnung

Renaturierung mit Fristen und Nachweispflicht

Die Verordnung (EU) 2024/1991 über die Wiederherstellung der Natur ist am 18. August 2024 in Kraft getreten. Bis 2030 sollen Wiederherstellungsmaßnahmen mindestens 20 % der Landflächen und 20 % der Meeresflächen der EU abdecken; bis 2050 sollen alle sanierungsbedürftigen Ökosysteme einbezogen werden. Für die Lebensraumtypen nach Anhang I, die sich nicht in gutem Zustand befinden, gelten gestufte Vorgaben: Bis 2030 sind auf mindestens 30 % ihrer Gesamtfläche Wiederherstellungsmaßnahmen zu ergreifen, bis 2040 auf mindestens 60 % und bis 2050 auf mindestens 90 % der Fläche jeder betroffenen Lebensraumgruppe. Artikel 9 nimmt Flüsse und Auen ausdrücklich auf: Bis 2030 sollen unionsweit mindestens 25.000 Flusskilometer wieder frei fließen.

Artikel 10 gilt allein den Bestäubern. Deren Bestandsrückgang muss bis spätestens 2030 umgekehrt sein. Anschließend ist ein zunehmender Trend nachzuweisen, der ab 2030 mindestens alle sechs Jahre gemessen wird. Wie gemessen wird, ist inzwischen geregelt: Die Kommission hat am 19. September 2025 eine wissenschaftlich fundierte Methode zur Überwachung der Bestäubervielfalt als delegierte Verordnung erlassen, die seit dem 16. Dezember 2025 gilt. Verlangt werden jährlich erhobene, standardisierte Daten von einer angemessenen Zahl von Standorten, damit sie repräsentativ sind. Die Mitgliedstaaten sollen die Bürgerforschung bei der Datenerhebung fördern, soweit dies angemessen ist.

Damit verschiebt sich die fachliche Aufgabe von der Maßnahme zum Nachweis. Wer Uferzonen aufweitet, Grünland extensiviert oder Blühflächen anlegt, muss die Wirkung über Jahre belegen können – vergleichbar zwischen Regionen und mit vertretbarem personellem Aufwand. Klassische Kartierung allein kann das nur begrenzt leisten: Sie ist präzise, aber personalintensiv, witterungsabhängig und deshalb zeitlich lückenhaft. InsectCare setzt an dieser Lücke an.

Zentrale Fristen – und der Projektzeitraum von InsectCare

  1. 2024

    EU-Renaturierungsverordnung tritt in Kraft.

  2. 2025

    Methode für das Bestäubermonitoring wird festgelegt.

  3. Projektbeitrag · ein Baustein InsectCare 2026 - 2029

    Erprobung klassischer und technikgestützter Monitoringansätze in zwei Reallaboren.

  4. 2030

    Zentrale Zielmarken:

    • Der Rückgang der Bestäuberpopulationen ist umzukehren.
    • Wiederherstellungsmaßnahmen sollen mindestens 20 % der Landflächen und 20 % der Meeresflächen der EU abdecken.
    • Auf mindestens 30 % der Gesamtfläche der betroffenen Lebensraumtypen nach Anhang I sind Wiederherstellungsmaßnahmen zu ergreifen.
    • Mindestens 25.000 km Flüsse sollen wieder frei fließen.
  5. 2040

    Auf mindestens 60 % der Fläche jeder betroffenen Lebensraumgruppe nach Anhang I sind Wiederherstellungsmaßnahmen zu ergreifen.

  6. 2050

    Auf mindestens 90 % der Fläche jeder betroffenen Lebensraumgruppe nach Anhang I sind Wiederherstellungsmaßnahmen zu ergreifen; zugleich sollen alle sanierungsbedürftigen Ökosysteme einbezogen sein.

Drei Gruppen tragen die Beweislast

Erfasst wird die Insektenfauna beider Gebiete in ihrer Breite. Als Prüfsteine für die neuen Verfahren dienen drei Gruppen, die gut bestimmbar sind, empfindlich auf Habitatveränderungen reagieren und sich sowohl klassisch als auch technisch erfassen lassen. Für jede Gruppe entstehen parallele Datensätze aus beiden Erfassungswegen.

Wildbienen und weitere Bestäuber

Schwerpunkt: Wildbienen (Anthophila)

Zielgruppe des Artikels 10 der EU-Verordnung. Populationsgröße und Artenspektrum hängen unmittelbar an zwei gestaltbaren Faktoren: einem durchgehenden Blütenangebot über die Vegetationsperiode und erreichbaren Nistmöglichkeiten. Beides lässt sich in der Fläche verändern – und die Wirkung messen.

Wildbiene an einer Blüte

Wildbiene an einer Blüte

Klassische Erfassung

Netzfang auf festen Lokalitäten, mehrfach pro Saison. Jedes Tier wird katalogisiert und fotografiert; schwierige Arten werden im Labor der Partneruniversitäten bestimmt.

Auswertung

Artenzusammensetzung, Nachweishäufigkeit und Nisthilfen-Besiedlung werden mit Blütenangebot, Standortbedingungen und technischen Daten verglichen.

Zwei Erfassungswege über denselben Flächen

In beiden Reallaboren werden Kontroll- und Interventionsflächen ausgewiesen und über drei Jahre wiederholt beprobt. Klassische und technikgestützte Erfassung laufen synchronisiert – nur so lässt sich quantifizieren, wie verlässlich automatisierte Verfahren zählen und bestimmen.

Referenzdaten nach etablierten Standards

Die klassische Kartierung liefert den Maßstab, an dem sich jedes neue Verfahren messen lassen muss. Sie orientiert sich an der Methodik des bundesweiten Insektenmonitorings des Bundesamts für Naturschutz sowie an den Beprobungsvorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie für die aquatischen Stadien.

Klassisches Insektenmonitoring im Gelände

Feldarbeit im Drömling des polnischen Teams.

  • Netzfang an festgelegten Standorten mit Katalogisierung und Fotodokumentation der erfassten Individuen
  • Bodenfallen in standardisiertem Raster für die Laufkäferkartierung
  • Netzbesammlung aquatischer Larvenstadien und Fallenmethoden für Adulte
  • Parallele Erhebung von Habitatstruktur, Wetter- und Bodenkennwerten
  • Wiederholte Kampagnen zur Trennung saisonaler und interjährlicher Dynamik
  • Taxonomische Bestimmung schwieriger Arten im Labor

Kontinuierliche, berührungslose Erfassung

Sensorik erfasst dort weiter, wo kein Personal stehen kann: nachts, über Wochen, unter Wasser. Sie entnimmt keine Individuen und reduziert den Eingriff in die Lebensräume. Die Auswertung erfolgt über KI-Modelle, die auf der KI-Infrastruktur KITT der Hochschule Magdeburg-Stendal trainiert werden.

Technikgestützte Messstation im Reallabor

Prototyp an der HTW Berlin, Sommer 2026

  • Bioakustik und Flügelschlagsignatur zur Erkennung fliegender Insekten
  • Videobasierte In-situ-Systeme an Nisthilfen, Blüten und Schlupforten, auch unter Wasser
  • Miniaturisierte Telemetrie zu Raumnutzung, Rastplatzwahl und Barriereeffekten
  • Umweltsensorik an den Fallen zur Kopplung von Aktivität und Mikroklima
  • Energieautarker, dauerhafter Feldbetrieb mit stromsparender Technik
  • Standardisierte Datenablage mit Metadaten und offenen Schnittstellen

Methodischer Kern: Der zeitgleiche Vergleich auf denselben Flächen zeigt, wie verlässlich automatisierte Verfahren arbeiten und wo sie die klassische Erfassung sinnvoll ergänzen können.

So könnte eine Messstation aussehen

Jede Station verbindet die Erfassung der Insekten mit der Aufzeichnung der Umweltbedingungen. Ohne diese Referenz lassen sich Fangzahlen kaum interpretieren: Aktivität, Flugzeit und Schlupf hängen unmittelbar an Wetter und Kleinklima. Angelockt wird gezielt über Farb- und Lichtsignale, auf die Bestäuber reagieren.

Übertragung in die Projektdatenbank 1 2 3 4 5 6 7 8
  1. 1 Wetter- und Klimasensorik am Mast
  2. 2 Solarmodul für den netzunabhängigen Betrieb
  3. 3 Kamera mit Blick auf die Falle
  4. 4 Mikrofon für akustische Aufnahmen
  5. 5 Farb- und Lichtsignal zur Anlockung
  6. 6 Falle für den klassischen Referenzfang
  7. 7 Bodenfalle und Sensorik im Boden
  8. 8 Datenlogger und Übertragung

Schematische Darstellung zum Verständnis des Prinzips. Welche Komponenten tatsächlich zum Einsatz kommen, in welcher Anordnung und in welcher Zahl, wird im Projekt entwickelt und im Feld erprobt.

Zwei Reallabore als Modellregionen

Beide Gebiete sind stark wassergeprägt und stehen unter Schutz, unterscheiden sich aber in Relief, Landnutzung und Entstehungsgeschichte. Diese Unterschiede sind methodisch erwünscht: Verfahren, die in beiden Gebieten funktionieren, sind auch auf andere Schutzgebiete übertragbar.

DEUTSCHLAND POLEN Ostsee rund 600 km Luftlinie Magdeburg Berlin Warschau Olsztyn Drömling Wel Park
Schematische Lage der beiden Reallabore: der Drömling in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, der Wel Park in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren.
Landschaft im UNESCO-Biosphärenreservat Drömling

Impression aus dem Drömling

UNESCO-Biosphärenreservat Drömling

Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, Deutschland

Eines der bedeutendsten Niedermoorgebiete Deutschlands, seit Juni 2023 von der UNESCO anerkannt. Ein dichtes Netz aus Gräben, Stillgewässern, Feuchtwiesen, Mooren und Auwäldern prägt das Gebiet; Überflutungsdynamik und Grundwasserstand bestimmen Habitatqualität und Artenspektrum. Die Moordammkultur auf rund 2.500 Hektar gilt im UNESCO-Weltnetz als einmalig.

Fläche 45.220 ha
Grabennetz rund 2.200 km
Nieder- und Anmoore rund 16.800 ha

Was am Ende vorliegen soll

Die Ergebnisse sind so angelegt, dass sie über die Projektlaufzeit hinaus nutzbar bleiben – für Schutzgebietsverwaltungen, Wasserbehörden, Kommunen, Landnutzende und die Hochschullehre.

Referenzdatensätze zur Insektenfauna Artenbestände und Bestandsdynamik beider Gebiete, referenzierbar und nach wissenschaftlichen Standards als offener Datensatz vorgehalten.
Validierte Erfassungsverfahren Belastbare Aussagen zu Genauigkeit, zeitlicher Auflösung und Grenzen bioakustischer, videobasierter und biotelemetrischer Methoden.
Indikatoren für Renaturierungserfolg Aus Feld- und Sensordaten abgeleitete Kennwerte, anschlussfähig an bestehende Planungs- und Umweltmonitoringinstrumente.
Erprobte Habitatmaßnahmen Nisthilfen mit integrierter Messtechnik, Blühstreifen und Uferstrukturen – jeweils mit dokumentierter ökologischer Wirksamkeit.
Offene Datenmodelle und Software Datenbankstruktur, Schnittstellen und Auswertungssoftware werden veröffentlicht, damit weitere Messstationen und Gebiete anschließen können.
Insect Knowledge Hub Die digitale Lehr- und Lernplattform des Projekts bündelt Methodenwissen, Daten und Materialien.

Drei Projektjahre

2026
Auswahl und ökologische Charakterisierung der Kontroll- und Interventionsflächen
Aufbau der Reallabore, Abstimmung der Erhebungsstandards
Start des klassischen Monitorings in beiden Gebieten
Entwicklung von Datenmodell, Datenbank und Schnittstellen
2027
Erste Messkampagnen mit den neuen Prototypen im Feld
Synchronisierte Erhebung mit der klassischen Kartierung zur Validierung
Training und Test der KI-gestützten Auswertung
Umsetzung der Habitatmaßnahmen und Nisthilfen
2028
Optimierung der Messtechnik, Ausweitung der Maßnahmenflächen
Ableitung und Prüfung der Indikatoren
Publikationen, Fachkonferenzen in Deutschland und Polen
Handlungsempfehlungen, Wissenstransfer und Verstetigung

Eine Kooperation mit Vorgeschichte

Grundlage ist eine bestehende Kooperationsvereinbarung zwischen dem Umweltministerium des Landes Sachsen-Anhalt, vertreten durch das Biosphärenreservat Drömling, und den polnischen Partnerinstitutionen. Aus gemeinsamen Wissenschaftscamps zur Insektenkartierung ist ein mehrjähriges Forschungsvorhaben geworden, das Ökologie, Entomologie, Ingenieurwesen und KI-Entwicklung zusammenführt.

Deutsches und polnisches Projektteam
Das deutsch-polnische Projektteam bei der Kooperationsreise im Oktober 2025.

Deutschland

UNESCO-Biosphärenreservat Drömling Reallabor und Schutzgebietsverwaltung

Polen

Poznań University of Life Sciences
Labor für Apidologie , Abteilung für Zoologie
Wel Park – Welski Park Krajobrazowy Reallabor und Parkverwaltung

An der Feldarbeit beteiligen sich Studierende und Promovierende beider Universitäten.

Assoziierte Partner

Unterhaltungsverband Obere Ohre
Unterhaltungsverband Aller
Unterhaltungsverband Jeetze
BWK Sachsen-Anhalt e. V.

 

Das Projekt InsectCare wird mit Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt unterstützt.